Nothilfe für Turmfalken in Veldenz

 


Der Geruchssinn von Vögeln gilt gemeinhin als nicht besonders ausgeprägt. Anders ist es wohl
kaum zu erklären, dass in Veldenz ein Turmfalkenpaar seinen Nachwuchs ausgerechnet im
Austrittsschacht einer Küchen-Dunstabzugshaube großgezogen hat.
Nur knapp 50 Meter entfernt war vor Wochen ein maroder Altbau abgerissen worden, in dessen
Dachboden das Paar und zuvor ganze Generationen von Turmfalken ihren Nachwuchs aufgezogen
hatten. Sowohl für die Gemeinde als auch für die Abrissfirma spielte das bedauerlicherweise keine
Rolle und so wurden die Falken von einem Tag auf den anderen obdachlos.
Vielleicht war es die angenehme Wärme der ausströmenden Luft, vielleicht aber auch der
unterschwellig wahrgenommene Duft von carnivorem Kochgut...? Wie dem auch sei, hinter der
Dunstabzugshaube brütete es sich offenbar angenehm, und zunächst gedieh der geschlüpfte
Nachwuchs auch prächtig und wuchs und wuchs. Bald aber fanden die fünf properen Jungfalken
und die fütternden Eltern kaum noch Platz in dem kleinen knapp 50cm breiten und 20cm hohen
Kabuff.
Auftritt Frau Auler aus dem Haus gegenüber: Sie habe sofort ein ungutes Gefühl gehabt, gestand die
engagierte Dame, als die Falkenfamilie einzog, aber sich auch sehr gefreut über die neuen
Nachbarn. Und dann passierte es! Der erste Jungvogel war beim Gerangel mit den Geschwistern
aus dem Nest gepurzelt und saß - zum Glück unverletzt – eines frühen Morgens auf dem betonierten
Innenhof. Frau Auler handelte sofort, wich dem schutzlosen Küken nicht von der Seite und startete
einen Telefon-Marathon. Aber weder Nachbarn, Freunde, Bürgermeister noch Revierförster fühlten
sich zuständig, ein Desinteresse, das vor allem im Falle des Revierförsters irritiert. Nach Stunden
schließlich landete Frau Auler bei Kurt Valerius und dem NaBu – ein Verein, von dem sie zuvor
noch nie gehört hatte (!) - und der rief uns im Nachbardorf Burgen an. Mit dicken Handschuhen
ausgerüstet konnten wir das äußerst wehrhafte Küken zunächst mal in einem Katzenkorb
unterbringen. Professionelle Hilfe erschien nach einiger Zeit zum Glück in Gestalt von Falkner Paul
Maus aus Landscheid, der mittlerweile ebenfalls telefonisch kontaktiert worden war.


Vor Ort kam der Falkner schnell zu der Überzeugung, dass sämtliche Jungfalken aus der Nisthöhle
herausgenommen werden müssten. Jungfalken verlassen die Nisthöhle, bevor sie gänzlich
flugtüchtig sind. Sie hocken dann auf nahen Bäumen oder Hausvorsprüngen und werden dort noch
1-2 Wochen von den Eltern weiter versorgt. Vor der Nisthöhle befand sich aber weder ein Baum
noch ein Strauch, sondern lediglich eine versiegelte Betonwüste, eingefasst von mehrstöckigen
Hauswänden. Die Jungfalken hätten bei ihren ersten Flugversuchen auf dem blanken Boden landen
müssen und dort keinerlei Schutz gefunden vor Katze, Hund oder Mensch. Falkner Maus nahm
daher alle fünf Jungvögel in seine Obhut. Sie werden zunächst in seiner Falknerei in Landscheid
Aufnahme finden und dort so lange versorgt, bis sie vollständig flugfähig sind. Dann werden alle
fünf Geschwister in die Freiheit entlassen.
Wie verkraften die Falkeneltern den plötzlichen Verlust Ihrer Brut? Falkner Maus weiß aus
Erfahrung, dass die Trauerphase bei Turmfalken nur kurz ist. Dafür sei die Verlustrate der Tiere
einfach zu groß. Mit einiger Sicherheit würde das Paar noch in diesem Jahr einen weiteren
Brutversuch starten. Deswegen müsste die Öffnung hinter der Dunstabzugshaube unbedingt
vergittert werden. Wir werden das kontrollieren. Unser abschließender Dank gebührt aber vor allem
Frau Auler, ohne deren Engagement mit großer Wahrscheinlichkeit keiner der Jungvögel überlebt
hätte.

 

Lena Mager, 17.06.2020